Um die Jahrhundertwende lebte der Bauer natürlich von seinen landwirtschaftlichen Erträgen, der Handwerker etwas kärglicher von seinen Kunden durch Dienstleistungen. Die „Unselbständigen“ hatten es noch schwerer: denn es war nicht jedem vergönnt, einen festen Arbeitsplatz zu haben. So mussten viele ihren Lebensunterhalt durch Gelegenheitsarbeit verdienen. Außerhalb der Landwirtschaft bzw. außerhalb der Gutsherrlichkeit fand der Arbeiter selten einen Arbeitsplatz. Die so genannten „Kleinen Leute“ pachteten sich, wenn es möglich war, einige Morgen Ackerland (1 Morgen = das Land, was man an einem Morgen mit einem einscharigen Pferdepflug pflügen konnte, etwa 1⁄4 Hektar). Während ihnen die Bauern dieses Land bestellten, halfen sie als Tagelöhner ihren bäuerlichen Partnern hauptsächlich in der Erntezeit oder bei sonstigen wichtigen und schweren Arbeiten.

Bild: Helge Sahlfeld

Abb. 1: Hofstelle Sahlfeld, erbaut 1780 durch Johann Kerkmann

Durchschnittlich berechnete der Bauer für die Bestellung von einem Morgen Land eine Summe von 12 bis 15 Mark. Der Tagelöhner erhielt für seine Dienstleistungen pro Tag drei Mark einschließlich Kost. Diese gegenseitige Hilfe wurde am Ende des Jahres verrechnet. So gering wie der Lohn des Tagelöhners aus den Dienstleistungen und der Verdienst aus den Ernteerträgen war, so bescheiden und genügsam musste er auch sein Familienleben gestalten.

Das Trinken importierten Kaffees konnte sich der Arbeiter höchstens an den hohen Feiertagen erlauben. Viele kannten dieses Luxusgetränk nur vom Hörensagen. Man trank einfach etwas Billigeres, den Ersatzkaffee (Zichorie). Die Zichorie wurde im eigenen Garten gezogen und geerntet. Danach wurde sie getrocknet und von den Zichorienbrennern Siekmann oder Hitzmann aus Soldorf in einer großen Drehtrommel gebrannt. Wenn es sich lohnte, und ein Backhaus vorhanden war, kamen die Zichorienbrenner auch zu den Bauern auf die Höfe. Wer keine Zichorie hatte, ließ auch Roggen oder Gerste als Kaffee-Ersatz brennen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als man vom „Wirtschaftswunder“ noch weit entfernt war, brannte man sich den Ersatzkaffee in einer kleinen Drehtrommel auf dem eigenen Küchenherd.

In fast jedem Haushalt mästete man ein oder mehrere Schweine und schlachtete diese im Winter. Bei diesen sogenannten „Schlachtefesten“ fehlte auf keinen Fall der Schnaps; denn jeder Schweinehalter war dabei auf Helfer aus der Nachbarschaft angewiesen. Während des Winters übten hier in Apelern zwei oder drei Männer den Beruf eines Hausschlachters aus. Ihre Arbeit begann meistens morgens um vier Uhr und endete abends etwa um acht Uhr. Während des Sommers arbeiteten sie saisonbedingt als Maurer. Diese Schlachtefeste waren auch für den Ärmsten die „fetten Tage des Jahres“. Auch der unentbehrliche Trichinenbeschauer nahm an diesen Festen teil, denn er hatte als amtlich Bestellter keine Konkurrenz. In den Schlachthäusern war es die Aufgabe von Tierärzten, das Fleisch auf Trichinen zu untersuchen. Die Tierärzte sind heutzutage auch für die dörflichen Schlachtereien zuständig. Hierzu möchte ich unseren Bürgern eine Anekdote aus dem Jahre 1904 überliefern:

Eines Tages fuhr der Trichinenbeschauer Heinrich Thies mit seinem Dreirad zu dem ihm gut bekannten Gutspächter Jungbluth und bat diesen, ihm das Losholz aus dem Bückeberge zu holen. Jungbluth sagte zu. Gleichzeitig fragte er aber Thies: „Gibt es auch keinen Regen?“ Heinrich Thies erwiderte: „Es regne, was da regnen will; es regnet seinen Lauf. Wenn es lang genug geregnet hat, so hört es wieder auf!“ Darauf rief Jungbluth: „…Hofmeister Hupe, für Thies wird kein Holz gefahren!“ Nun erübrigt sich wohl die Frage, ob das fragliche Holz für Heinrich Thies jemals gefahren wurde. Es steht aber fest, dass die Familie Thies nicht erfroren ist. Denn in den Jahren danach hat das „Trio Thies“ (der Vater mit dem Bass, Sohn Fritz mit der Geige und Sohn Heinrich mit der Handharmonika) auf vielen Polterabenden, Hochzeiten und Spinnstubenabenden zum Tanz und zur Unterhaltung aufgespielt.

Abb. 2 – 4: Erntefestumzug in den 50er Jahren

Einen Schlachter-, Fleischer-, oder Metzgerladen, wo man täglich frische Fleischwaren kaufen kann, gab es in Apelern schon seit dem Jahre 1906. Aber zu dieser Zeit war nicht jeder Bürger in der Lage, sich solche Waren kaufen zu können. Man machte es wie schon in früheren Jahren: Das meiste Fleisch wurde eingepökelt und die Wurst in der Würstekammer getrocknet oder auch geräuchert. Etwa in der Zeit nach 1930 kamen dann die Gläser und Blechdosen zum Konservieren des Eingeschlachteten auf den Markt. Jeder Grundstückseigentümer nutzte es aus, wenn ein kleiner Garten oder auch nur ein Auslauf vorhanden war, um sich Legehühner zu halten. Ein Ei war damals ein kostbares Gut und half, die Haushaltskasse aufzufüllen; denn Familien mit fünf und mehr Kindern waren keine Seltenheit.

Einige Gelegenheitsarbeiter mussten sich ihren Unterhalt auch als „Steineklopfer“ verdienen. Denn zu jener Zeit holte man die Steine für den Straßenbau unmittelbar aus einem nahe an der Baustelle gelegenen Steinbruch. Danach war es die Aufgabe der Wegewärter, diese groben Steine an Ort und Stelle der Größe nach zu sortieren und aufzuschichten. Hierauf gingen sie daran, die Steine in Akkordarbeit fachmännisch zu zerkleinern.

Einige Gelegenheitsarbeiter mussten sich ihren Unterhalt auch als „Steineklopfer“ verdienen. Denn zu jener Zeit holte man die Steine für den Straßenbau unmittelbar aus einem nahe an der Baustelle gelegenen Steinbruch. Danach war es die Aufgabe der Wegewärter, diese groben Steine an Ort und Stelle der Größe nach zu sortieren und aufzuschichten. Hierauf gingen sie daran, die Steine in Akkordarbeit fachmännisch zu zerkleinern.

Abb. 5: So zogen wir in den 1920er Jahren mit dem Fahrrad oder zu Fuß durch die engere und weitere Heimat

Es war für Kinder, deren Eltern nicht begütert waren, auch eine Selbstverständlichkeit, in den Wald zu gehen, um trockenes Holz (Abfallholz) für die Feuerung zu sammeln. Per „Huckepack“ trugen sie Holz und trockene Tannenzweige zum Feueranzünden nach Hause. Heutzutage gibt sich kein Bürger mehr die Blöße, Holz zu sammeln, selbst wenn er auch noch eine Ofenfeuerung zum Heizen benutzt. Der Gemeinde oblag auch die Pflicht, den Hunger von ihren Bürgern fernzuhalten. Daher richtete sie ihr Augenmerk besonders auf die zuziehenden Familien. Nach Einziehung von Erkundigungen, die nicht negativ ausfallen durften, erteilte der Gemeinderat der betreffenden Familie eine „Aufenthaltsgestattung“, die aber jederzeit widerrufen werden konnte.

Einen guten Einblick in die damalige Prozedur verschafft uns ein Sitzungsprotokoll vom 25. Juli 1863: Tagesordnung „Die Entziehung der Aufenthaltsgestattung an den Tagelöhner X aus B. Beschluss „Da der Tagelöhner X. aus B. vom Kurfürstlichen Justizamt verurteilt ist, dem Kaufmann M. zwei Säcke entwendet zu haben, so soll demselben aufgegeben werden, Apelern mit Familie bis zum St. Martini (11. Nov.) zu verlassen.“ Zur damaligen Zeit gewährte der Gemeinderat seinen verarmten Bürgern auch bereits Beihilfen. Diese waren aber im Vergleich zu heute sehr gering. Ein alter Ratsbeschluss erhärtet diese Tatsache: „Der Tagessatz an Beihilfe für den Einwohner N. wird von 40 Pfennig auf 70 Pfennig erhöht.“

Die wirtschaftliche Struktur unseres Ortes brachte es damals mit sich, dass auch die Kinder der meisten Bürger einen kleinen Teil zum Lebensunterhalt der Familie beitragen mussten. Hierüber kann sich die heutige Jugend kaum ein Bild machen; denn sie lebt ja gemäß Artikel 20 des Grundgesetzes vom 23. Mai 1949 in einem „demokratischen und sozialen Rechtsstaat“ und entwickelt somit andere Lebensund Arbeitsgewohnheiten. Wir als Kinder in der Zeit der Jahrhundertwende aber zogen im Frühherbst täglich mit unseren Ziegen hinaus auf die Fluren unserer Ortschaft, um auf den Wegen und abgeernteten Feldern die noch vorhandenen Reste an Gräsern und Kräutern abgrasen zu lassen; denn das bereits eingefahrene Heu reichte kaum bis zur Winterfütterung aus. Wer damals aber Ziegen hatte, der brauchte keine Milch, Käse oder Butter zu kaufen. Diese Kinderarbeit war auch wegen des Zeitvertreibs stets mit besonderer Freude verbunden; denn beim Kartoffelbraten im Krautfeuer verging der Nachmittag wie im Fluge. Daher kam es uns beim Hüten der Ziegen nie in den Sinn, dass wir Arbeit verrichteten.

Unmittelbar nach der Getreideernte gingen wir Kinder auch in Scharen auf die abgeernteten Felder und sammelten die liegengebliebenen Ähren auf. Bei dieser Gelegenheit taten wir ab und zu auch mal einen Griff in die noch stehenden Getreidestiegen, um unser gesammeltes Bündel schnell zu vermehren; denn wir waren darauf bedacht zu zeigen, dass man der Arbeit mit emsigem Fleiße nachgegangen war. Erst viel später kam man auf den Gedanken, dass solches Tun eigentlich Diebstahl war. Dieses von uns Kindern verdiente Zubrot erfüllte in manchen Zeiten aber auch die Bedeutung, die dem Worte „Mundraub“ zu Grunde liegt. Die aufgesammelten Ähren dienten hauptsächlich als Hühnerfutter, welches sich so in Eier verwandeln ließ.

Bei windigem Wetter im Herbst gingen wir häufig morgens noch vor Schulbeginn unter die Obstbäume an den Straßen, um das Fallobst aufzusammeln. Je früher man losging, desto größer war der Erfolg; denn die Konkurrenz war groß. Es kam uns dabei wohl kaum in den Sinn, die Bäume gelegentlich ein wenig zu schütteln oder manchmal doch? Aus dem Fallobst wurde damals wie heute Apfeloder Zwetschenmus als Brotaufstrich gemacht. Wenn ich an dieser Stelle die kleinen, bewussten oder unbewussten Vergehen in der Jugendzeit erwähne, so will ich damit der heutigen Jugend nicht die Tatsache verheimlichen, dass ihre Vorfahren keineswegs nur Engel waren. Aber das Motiv, unseren Eltern durch sichtbaren Arbeitsfleiß eine Freude zu bereiten, muss während unserer Kindheit wohl stärker gewesen sein als der Gedanke an das allgemein nicht erlaubte Handeln. Der Schein, dass die heutige Jugend in dieser Hinsicht schlechter ist, als die damalige, kann nämlich meiner Ansicht nach auch trügen.

Abb. 6: Pfingsttour des Mandolinenclubs 1922 in den Teutoburger Wald

Immer dann, wenn in Zeiten der Not der Hunger besonders arg zu verspüren war, gelangte die Zuckerrübe zu höchstem Ansehen. Während der Kriege und bis in die Nachkriegszeiten hinein betrieb jeder Ackerlandbesitzer eifrig den Zuckerrübenanbau. Wer nicht sämtliche geernteten Rüben selbst zu Rübensaft bzw. Sirup verarbeiten wollte oder konnte, der fand für sein Produkt in solchen Zeiten reißenden Absatz. In Erwartung einer Rübensaftkonjunktur hatten sich zwei Bürger des Dorfes eine Saftpresse angefertigt oder erworben, die sie während dieser Zeit gegen ein Entgelt ausliehen. Von der Zeit der Rübenernte bis über die Weihnachtszeit hinaus waren die Pressen für gewöhnlich für Tagund Nachtschichten und sogar für die Sonntagszuckerrübensaftkampagne vermietet.

Der Zuckerrübensaft oder Sirup wurde in der folgenden Weise hergestellt:
Die Zuckerrüben wurden sauber geschabt und gewaschen und dann in den üblichen, mit Holz oder Kohle geheizten, Waschkessel geschüttet. Die weichgekochten Rüben kamen danach in die mit Stroh oder Sackleinen ausgelegte Presse, die aus einem starkwandigen Holzbottich mit einer aufgesetzten Drehspindel bestand. Durch fortlaufendes Drehen der Spindel mit den Händen wurden die im Bottich liegenden Rüben stark zusammengepresst und der austretende Saft in einen darunter befindlichen Auffangbehälter abgeleitet. Anschließend wurde dieser dünnflüssige Rübensaft durch Kochen in zähflüssigem Sirup umgewandelt. Vor etwa fünfzig Jahren war dieser nahrhafte Brotaufstrich im Handel noch nicht erhältlich. Als eigenes Erzeugnis war er für eine sehr lange Zeit ausschließlich für den eigenen Verbrauch der ländlichen Bevölkerung bestimmt.