Abb. 1: Erntefelder Apelerns vor dem Einsatz von Mähdreschern.

Um das Jahr 1880 waren in unserem Gemeindebezirk, der eine Fläche von 846 ha umfasst, 17 Bauern und 2 Gutsherren ansässig. Da auf die beiden Güter 325 ha entfielen, teilten die Bauern die restliche Fläche von 521 ha unter sich auf. Rein rechnerisch hätte jeder Hof durchschnittlich eine Größe von ca. 30 ha haben können.
Wir wissen aber, dass die Größe der einzelnen Hofstellen zwischen 2 und 35 ha ohne Pachtland lag. Bauernhöfe mit einer Größe um 100 ha, wie man sie damals im Kalenberger Land antreffen konnte, konnten sich wohl hier durch die beiden großen Güter im Besitz der Familien v. Hammerstein und v. Münchhausen nicht entfalten.
Die Einschätzung der Größe eines Hofes war damals aber nicht so sehr das Ergebnis einer genauen Landvermessung, sondern hatte einen einfachen Bezug zur Anzahl der Arbeitspferde des Hofes und des damit verbundenen Gesindes. Die Schichtung nach Pferdehaltung in Apelern fiel folgendermaßen aus: 8 Bauern hatten 3 bis 4 Pferde im Stall, 5 beackerten ihr Land mit je zwei Pferden und die restlichen 4 Hofbesitzer spannten dafür Zugkühe bzw. Ochsen ein.

Die Anzahl der Pferde bestimmte auch die Standesunterschiede innerhalb der Bauernschaft für das Heiraten und Einheiraten und für die übliche Mitgift. Es galt als nicht standesgemäß, wenn ein von einem Vier-Pferde-Hof stammender Bräutigam und Hoferbe die Tochter eines Zwei-Pferde-Hof-Bauern heiraten wollte und umgekehrt. So war es damals auch üblich, den Stand der Brautleute durch die Zahl an Großvieh zu kennzeichnen, das den Brautwagen begleitete bzw. an diesen angebunden war. Es war schon ein großer Unterschied, ob nur eine Kuh oder mehrere Kühe und Pferde den Brautwagen begleiteten. Das damalige standesgemäße Denken und Handeln unter unseren Bauern kann wohl kaum treffender dargestellt werden als in der Folgenden überlieferten Erzählung:

„Der Vollmeiersohn Henrich hatte sich heimlich mit Sophie, der Kötnerstochter, versprochen. Seine Mutter wusste davon; sie hätte es gar nicht ungern gesehen, wenn Sophie ihre Schwiegertochter auf dem Meierhof geworden wäre. Sophie war nicht nur hübsch, sie war auch kräftig, gesund, fleißig und geschickt, ein Mädchen ohne Tadel. Aber die Mutter wagte es nicht, ihrem Manne davon zu erzählen.
Der hörte in den Tagen des Rodenberger Jahrmarktes davon und stellte andern Tags seinen Ältesten und Hoferben zur Rede:
‚Eck hewwe von diin’r Briut e hürt. Is dat diin’ Aiernst?’ ‚Jea, Voar.‘ ‚Un wua hejje jück dat e dacht, wua wijje bliim’n?‘
Und als der Sohn verstummte, fuhr der Vater fort: ‚Upp miin’n Hoff kummt keine Kötnerstochter, doa richte deck nea.‘

Die Auseinandersetzung war damit zu Ende. Sophie und ihre Eltern hatten im Grunde nichts anderes erwartet. Von Anfang an hatten sie Henrich gewarnt. Dieser glaubte aber, der Vater würde schon einlenken. Wie sollte er sich aber getäuscht haben!
‚Diu hast dat Maike un’ däi Feute trampt, dia moßt diu et eok frii’n, eaber iusen Hoff kriste nicht. Eck giawe deck van iusen Heawe drüttig Morn un biuwe deck en Hoff doa upp. Wat doa süs noch tau hört, kann deck diin Swiigervoar giam. Wii wit keine Feindschaft; eaber upp iusen Hoff kannst diu nich mit däin Maiken.’
Der neue Hof für das Brautpaar wurde auf der dreißig Morgen großen Fläche errichtet. In aller Stille wurde Hochzeit gefeiert. Den väterlichen Hof übernahm später der jüngere Sohn, und der heiratete eine Vollmeierstochter.

Zu einem Vier-Pferde-Hof gehörten gewöhnlich zwei Knechte und zwei Mägde. Die Anzahl der Knechte und Mägde war ein zusätzliches Richtmaß für die Einträglichkeit eines Hofes. Den ersten Knecht nannte man Großknecht. Dieser erhielt vor etwa einhundert Jahren pro Jahr ungefähr 100 Taler (= 300 Goldmark) einschließlich „Kost und Logis“ (Verpflegung und Wohnung). Zwar war man vor einhundert Jahren bereits mitten im Maschinenzeitalter, das auch die Mechanisierung der Landwirtschaft beschleunigte, in stärkerem Maße jedoch bei den Großbetrieben bzw. Gütern, aber die Antriebsenergie für diese Maschinen blieb vorerst auf Menschenkraft, Pferde- und Ochsenkraft und auf Dampfmaschinen beschränkt.

Eine dieser ersten Maschinen, gleichsam als Spielzeug bei Dorfkindern hoch im Kurs, war der „Göpel“ oder das „Rosswerk“. Am Ende eines der beiden drei bis vier Meter langen hölzernen Ausleger wurden Pferde oder Kühe vorgespannt, die ununterbrochen im Kreise herumgetrieben wurden. Die Energie des langen Hebels wurde auf ein Zahnradgetriebe im Zentrum der Anlage gegeben und von dort auf eine Antriebswelle übertragen, an welche alle möglichen Maschinen angeschlossen werden konnten.

Rekonstruierter Pferdegöpel in Wieliczka, Polen

In der Hauptsache wurde diese Vorrichtung für den Antrieb der Häckselmaschine benutzt. Häcksel (kurzgeschnittenes Stroh), mit Hafer und anderen Zutaten gemischt, war das herkömmliche Pferdefutter. Häufig wurde diese Anlage auch als Antrieb für Rübenschneider und später auch für die ersten Dreschmaschinen benutzt. Eigene Schrotmühlen besaß man damals noch nicht; das Schroten besorgten die altbewährten Wassermühlen. Auf den beiden Gütern unserer Ortschaft hielt man 12 bis 14 Pferde mit sechs bis sieben Pferdeknechten. Ein Pferdegespann vor dem Pflug brach pro Tag etwa zwei Morgen Ackerland um.
Auf dem Staatsgut (Domäne) Rodenberg und auf anderen Gütern tauchte nach der Jahrhundertwende der Dampfpflug der Firma Ottomeier aus Bad Pyrmont auf, die sich auf das Lohnpflügen spezialisiert hatte. Dabei zogen zwei an beiden Seiten des Ackers aufgestellte, fahrbare Dampflokomobile einen an einem Stahlseil befestigten Pflug mit sieben Schwaren wechselseitig hin und her. Diese fauchenden Ungetüme waren für uns Dorfkinder stets ein besonderer Anziehungspunkt.

Die fahrbare Dampflokomobile wurde in Verbindung mit einer Dreschmaschine auch von einem hiesigen Lohndreschbetrieb eingesetzt, der damit auf Bestellung von Hof zu Hof fuhr und das Dreschen maschinell und schnell besorgte. Wer sich den Lohndrescher nicht leisten konnte, musste gewöhnlich während des Winters zum Dreschoder Handflegel greifen und das auf der Tenne flach ausgebreitete Getreide am Halm beklopfen. Mehrere Drescher mussten ihren Flegel im Takte schlagen. Die vom Stroh und von der Spreu getrennten Getreidekörner wurden danach mit einem handbetriebenen Windfeger gereinigt. Auch beim Drusch der Futterbohnen kam der Dreschflegel zum Einsatz. Für den Kötner und für den Brinksitzer war der Dreschflegel etwa bis zum Jahre 1930 und noch danach unentbehrlich.

Abb. 1: Lang ist es her: Dampflokomobil mit Dreschmaschine im Einsatz.

Abb. 2: Das Dampflokomobil wurde in zwei Generationen von Heinrich Knief senior und junior, wohnhaft im Haus Nr. 59, 56 und 95, betrieben. Der Besitzer des Hauses Nr. 95 nebst Maschinenschuppen, jetzt benannt: Auf der Mede 1, ist der Großsohn.

So wie der Dreschflegel dem Bauern noch lange zu dienen hatte, war auch die Sense für das Abmähen des Getreides bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht zu entbehren. Um Kraft zu sparen, kam es darauf an, dass sie so fein wie möglich gedengelt (gehoort) war.
Oft gab es im Dorf tüchtige Tagelöhner, denen keiner das fachmännische Dengeln nachmachen konnte, und viele Bauern vertrauten sich solchen fast berufsmäßigen Denglern an, die durch ihre Dengelkunst im Dorfe ein hohes Ansehen besaßen. Zu der vom Schnitter im Kornfeld geführten Sense gingen ein Garber und ein Binder zur Hand. Diese Gruppe aus drei Arbeitern erntete pro Tag etwa 2 1/2 Morgen Getreide ab. Der Feldarbeitstag begann morgens um 6 Uhr und endete abends erst um 8 Uhr (heute 20 Uhr). Mittags gab es eine Pause von 90 Minuten.

In dieser Zeit mussten aber zugleich die stumpfen Sensen gedengelt (geklopft) werden, und die im Ernteeinsatz stehenden Frauen eilten nach Hause, um schnell das Vieh und den Haushalt zu versorgen. Die Erntearbeit war ohne die Hilfe der Frauen nicht zu bewältigen. Auf den Gütern galt der Frauenanteil für die Erntearbeit als gesichert. Die Bauern boten den arbeitswilligen Frauen und Männern des Dorfes zur Erntezeit Akkordlohn an, der gewöhnlich je zur Hälfte in barem Geld und in Naturalien oder in Spanndiensten entrichtet wurde.

Nach der Jahrhundertwende tauchten die ersten von Pferden gezogenen Mähmaschinen auf, mit denen sowohl Getreide als auch Gras geschnitten wurde. Diese hatten den großen Vorteil, dass man wegen der enormen Schnittleistung das Erntewetter besser ausnutzen konnte, dies war vor allem für die Heuernte sehr wichtig. Für die Getreideernte wurden etwas später Flügelmäher angeboten, die das Geschnittene in Garben ablegten, welche man nur noch zu binden brauchte.
Mit den ersten Mähbindern im Jahre 1924 glaubte man, die Möglichkeiten der Erntetechnik schon voll ausgeschöpft zu haben. Diese Maschinen wurden von zwei bis vier Pferden gezogen. Sie mähten, bündelten und banden in einem ununterbrochenen Arbeitsgang.

Abb. 3: Gutsarbeiter bei der Heuernte.

Im Jahre 1921 wurde unser Dorf mit elektrischem Strom versorgt, und es dauerte nicht lange, bis die ersten Elektromotoren ihr monotones Summe auf den Höfen anstimmten. Als Antriebsmotoren mit hoher Leistung und wenig Wartungsaufwand lösten sie die Göpel und die Dampfmaschinen schnell ab. Zudem waren sie leicht zu handhaben, einfach zu bedienen, und sie nahmen wenig Raum ein. Mit ihrer Hilfe und dem unentbehrlichen Treibriemen wurde nun gedroschen, geschnitten, geschrotet und gemahlen. Und in Verbindung mit einer Kreissäge wurde Brennund Nutzholz geschnitten.
Einen absoluten Höhepunkt der Landwirtschaftstechnik brachte der Einsatz der ersten Dieseltraktoren (Lanz-Bulldog mit Glühzündung) in den Jahre 1934/35. Während der Bauer mit Hilfe von zwei Pferden pro Tag höchstens zwei Morgen pflügen konnte, schaffte er mit dem Traktor 15 bis 20 Morgen.

Durch seinen vielfältigen Einsatz, durch große Wendigkeit und Geländegängigkeit konnte der Traktor das Arbeitspferd ersetzen. Auf dem Hofe oder an der Feldscheune, also unabhängig von Starkstromleitungen, trieb er mittels eines Schwungrades mit Treibriemen die Dreschmaschine und alle anderen Maschinen an, die durch einen Treibriemen in Gang zu setzen waren. Der Bestand an Arbeitspferden ging nun stark zurück. Die in Gang gekommene Vollmotorisierung der Landwirtschaft wurde jedoch durch die Begleitumstände des Zweiten Weltkrieges abgebremst. Der Krieg, der vor allem eine Verknappung der Treibstoffe mit sich brachte, ließ es nicht zu, auf den Einsatz von Arbeitspferden zu verzichten. In den Kriegsjahren waren die meisten Bauern wieder ganz auf Arbeitspferde angewiesen. Und so ergab es sich von selbst, dass die Aufzucht dieser Tiere von neuem einsetzte.

Aber nach der Währungsreform im Jahre 1948, als die gesamte Wirtschaft in Westdeutschland tief Atem holte, war der Vormarsch der Traktoren für die Landwirtschaft nicht mehr aufzuhalten. Bald sah man auf den Höfen hin und wieder nur noch ein paar Reitpferde. Und etwa zehn Jahre später zogen diese Traktoren riesige Ungetüme auf Rädern durch die reifen Kornfelder; die ersten Mähdrescher traten in Aktion.

Um noch mehr Arbeitskräfte bei der Getreideernte einzusparen, entwickelte man den selbstfahrenden Mähdrescher, den der Bauer oder sein Gehilfe ganz allein durch die Felder lenken kann und nur anhalten muss, um mit einem Hebelzug das gedroschene Getreide in bereitgestellte Anhänger zu schütten. Die Vollmotorisierung der Landwirtschaft brachte nicht nur die Pferde, sondern auch die Knechte und Mägde auf den Höfen fast völlig zum Verschwinden.
Im Anfang (1959) standen nicht wenige Bauern dem „neumodischen Kram“ noch sehr skeptisch gegenüber. Einige meinten damals sogar, dass auf ihren Höfen keine Mähdrescher zum Einsatz kämen. Aber nach einem oder nach zwei Jahren hatte sie der Trend der Zeit eingeholt: sie waren inzwischen stolz auf ihre neuen Mähdrescher. Wie bei jeder komplizierten und noch nicht völlig ausgereiften Technik, so gab es anfangs auch viele Pannen mit den Mähdreschern. Bei einigen versagte plötzlich irgendetwas, und andere gingen sogar in Flammen auf. Ausgereiftere Modelle boten aber bald mehr Betriebssicherheit. Wenn die heutigen Modelle aber regelmäßig und gut gewartet werden, laufen sie ohne nennenswerte Störungen und sind in der Lage, pro Tag bis zu 50 Morgen Getreide abzuernten. Dieses Leistungsvermögen lässt den Gedanken aufkommen, dass ja nicht jeder einzelne kleine Bauer gegenwärtig eine so kostspielige Erntemaschine besitzen muss.

Die Technisierung der Landwirtschaft hat zwangsläufig viel vom idyllischen Dorfleben verdrängt. Viele Sitten und Gebräuche, die in früheren Zeiten in gemeinsam begangene Dorffestlichkeiten einmündeten, gehören heute der Vergangenheit an. Da aber alle Veränderungen im Zeichen des Fortschritts ganz natürliche Vorgänge sind, ist es nutzlos, um das Vergangene zu trauern. Durch vermehrten Grünfutter-und Futterrübenanbau und durch Ertragssteigerungen auf den Wiesen und Weiden stieg die Rinderzucht stark an und damit auch die Milcherzeugung. So kam es bis zum Jahre 1968 zu einer Überproduktion an Milch (Butterberg) im Bereich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Auf Empfehlung der EWG-Kommission wurden damals 700.000 bundesdeutsche Milchkühe gegen hohe Prämien vorzeitig geschlachtet (lt. Statistischem Jahrbuch 1968).

Im Jahre 1982 kam es erneut zu einem sogenannten Butterberg in der EWG, der wiederum mit Hilfe von Prämien für vorzeitiges Abschlachten von Milchkühen abgebaut wurde. Aber die steuerzahlenden Bundesbürger wurden nicht darüber aufgeklärt, dass diese Überproduktionen nicht von deutschen Milchkühen verursacht wurden. Die Statistischen Jahrbücher wiesen nämlich nach, dass die Milchkühe der deutschen Bauern nur so viel Milch gaben, um den Eigenbedarf an Butter decken zu können. Was Apelern betrifft, so sind von den 21 Milchbauern vor dreißig Jahren nur noch drei Milcherzeuger übriggeblieben.

Obwohl unsere Bauern die Milchschwemme nicht verursachten, sind in den letzten drei Jahren viele Grünflächen, die sich kaum als Ackerland eignen, umgepflügt worden (Eberloh, Wiehewiesen, Auewiesen). Die von vielen Bürgern beklagte Misswirtschaft im Rahmen der EWG-Agrarmarktordnung ist nun dabei, Getreideund Schweineberge zu produzieren. Am Grundkonzept der EWG-Marktordnung muss doch etwas falsch sein, wenn Statistiken nachweisen, dass unsere eigene Landwirtschaft im Falle eines jederzeit möglichen weltweiten kriegerischen Konfliktes oder im Falle einer Weltwirtschaftskrise, die unsere Ex- und Importe lahmlegen können, uns nicht vor einer Hungerkatastrophe bewahren kann.

Demnach kann der Bedarf der Bevölkerung der Bundesrepublik gegenwärtig durch Inlandserzeugung
an Brotgetreide nur zu 80 Prozent
an Futtermitteln nur zu 65 Prozent
an Fleisch auf eigener Futterbasis nur zu 60 Prozent
an Fett (Butter, Pflanzenöle und Speisefette) nur zu 40 Prozent
und an Eiern nur zu 85 Prozent gedeckt werden.
Das heißt also, dass wir, die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland, in unserer Ernährung zur Hälfte von Einfuhren abhängig sind. Wenn diese Einfuhren aus irgendeinem Grunde blockiert werden, dann stehen wir vor einer Hungerkatastrophe.

Trotz dieses einleuchtenden Zahlenspiegels gab es bereits im Jahre 1967 einen Plan zur Verringerung der bäuerlichen Bevölkerung der Bundesrepublik im Verbande der EWG (Mansholt Plan). Wären damals, wie es der Plan vorschrieb, Hunderttausende westdeutscher Bauern aus der Landwirtschaft ausgeschieden und in völlig andere Industrieberufe übergegangen, so läge die heutige Arbeitslosenziffer um diese mögliche Anzahl ehemaliger Kleinbauern höher. Als der Mansholt-Plan, gegen den sich unsere Bauern mit Recht energisch zur Wehr setzten, noch nicht vom Tisch war, gab es viele deutsche Politiker, die es für richtig hielten, dass landwirtschaftliche Betriebe, die sich im Banne des industriellen und händlerischen Denkens den Marktverhältnissen nicht anpassen können, eben „pleite“ gehen sollen. Solche kurzsichtigen Volksvertreter brachten damals ihren Standpunkt auf die vereinfachte Formel, dass man „unrentable Bauernhöfe nicht künstlich am Leben halten solle“. Es ist schon beunruhigend und merkwürdig, wie leicht Politiker die volkswirtschaftliche Bedeutung eines leistungsfähigen Bauerntums vergessen können. Eine derartige Vergesslichkeit und Tatsachenblindheit kann aber für den Bestand unseres Volkes eine tödliche Gefahr sein.

Wie bei Getreide, Milch und Obst kam es auch in jüngster Zeit zu einer Überproduktion von Zuckerrüben. Die Folge war eine Anbaubeschränkung, in dem den einzelnen Anbauern bestimmte Kontingente zugewiesen wurden. Der Zuckerrübenanbau erforderte um die Jahrhundertwende einen großen Arbeitsaufwand. Mit der alten Drillmaschine wurden die Samenkörner ausgesät. Danach mussten die Keimlinge von Hand verzogen werden. Hierauf erfolgte das zweibis dreimalige Durchhacken zur Unkrautbekämpfung. Das Verziehen der kleinen Pflänzchen besorgten oft auch Schulkinder, die sich dabei nachmittags ein Taschengeld verdienten.
Für die ganze Zeit der „Rübenkampagne“ wurden auch Wanderarbeiter („Saisonarbeiter“ aus Polen beschäftigt. Sämtliche Arbeitsgänge, einschliesslich der Rübenernte mit dem Rübenheber, waren damals Handarbeit. Vor der Fertigstellung der Eisenbahnlinie von Groß Nenndorf nach Münder im Jahre 1905 wurden die Rüben ununterbrochen bis in die Weihnachtszeit mit Pferdewagen zum Bahnhof Groß Nenndorf befördert.

Zuckerrübenernte

Heutzutage erfordert der Rübenanbau durch den Einsatz von Spezialmaschinen ein Minimum an menschlicher Arbeitskraft. Die Aussaat der Samenkörner mit modernen Saatmaschinen erspart das Versetzen und Verziehen der jungen Rübenpflanzen. Das Spritzen von Chemikalien gegen Unkraut ersetzt das mehrmalige Durchhacken, und der vom Traktor geschleppte und angetriebene Rübenroder macht alle früheren Ernteverrichtungen überflüssig. Hin und wieder kommt es bei Fehlfunktionen während der Ernte vor, dass ein Spezialist für die Reparatur landwirtschaftlicher Maschinen auf das Feld gerufen werden muss. Während der Feldarbeit, die etwa nur 1/3 des Tages in Anspruch nimmt, sitzt der Bauer heute meistens auf dem Traktor Etwa 2/3 des Tages kann er der HofStall-, Gartenund Hausarbeit widmen. Vor der Motorisierung im Pferdebetrieb war das umgekehrt. Damit soll aber nicht gesagt werden, dass es der heutige Bauer leichter hat, wenn er durch Maschinen Zeit und Arbeitskräfte einspart. Sein Arbeitstag kann trotzdem sehr lang sein. Es kommt häufig vor, dass er nachts im Licht der Scheinwerfer Feldarbeit verrichten muss.

Dasselbe trifft auch für die Bäuerin zu. Wenn ihre Arbeit durch den vermehrten Einsatz von Maschinen in Feld und Haus auch erleichtert worden ist, so muss sie heute dafür viele Dinge selber machen, wofür sie früher ihre Mägde und Knechte zur Verfügung hatte. Auch noch heute muss sie häufig auf dem Felde zupacken, d.h. das Lenkrad des Traktors in die Hände nehmen, um das Erntegut vom Felde abzuholen, das Heu zu wenden oder die Heuund Strohpresse in Funktion zu halten. So ist es z.B. fraglich, ob sie heute im Gegensatz zu früher noch die Zeit hat, das Bauernbrot im eigenen Backhaus zu backen.
Andererseits ist durch die Schrumpfung der Familien- und Haushaltsmitglieder der Brotbedarf so stark zurückgegangen, dass sich das Backen von Bauernbrot wohl kaum noch lohnt. Wohl aus dem gleichen Grunde ist auch das Buttern durch die Bäuerin in Vergessenheit geraten. Ehe die Hauszentrifugen die Entrahmung der Kuhmilch und die elektrisch betriebenen Butterfässer das Buttern besorgen konnten, war das Buttern im Bauernhaus kraftraubend und mit sehr viel Zeitaufwand verbunden. Der Rahm musste mit dem Löffel von den aufgestellten Milchgefäßen abgeschöpft und das Butterfass mit der Hand gedreht werden. Danach kam das Kneten, Salzen und Formen in der Buttermolle, eine durchaus schweißtreibende Tätigkeit.

Seit dem Jahre 1890 öffneten bereits die ersten Molkereien ihre Tore, und für die Bäuerin war es eine große Arbeitserleichterung, wenn ihr die Butter und der Käse mit der Magermilch von der Molkerei ins Haus durch den Milchwagen geliefert wurde. In unserem Dorf betrieben vor der Jahrhundertwende auch einige Leinenweber ihr gewohntes Handwerk. Den Grundstoff lieferten ihnen die Bauern, die dafür den Flachsanbau und die Flachsbearbeitung betrieben. Der geerntete Flachs wurde mit der sogenannten „Klapperbrake“ gebrochen und danach über einen Stachelkamm gestriegelt. Der letzte bäuerliche Arbeitsaufwand bestand im Spinnen der Fäden mit dem Spinnrad.
Dies war eine der wünschenswertesten und geselligsten Verrichtungen der jungen Mägde und Bauerntöchter während der langen Wintertage. Wenn die Mittagszeit vorüber war, eilten die jungen Mädchen mit dem Spinnrad unter dem Arm über die Dorfstraße zur Spinnstube des verabredeten Bauernhofes, auf welchen die betreffende Bäuerin für diesen Tag die Gastgeberin war. Bald saßen sie alle im Kreise in der großen, warmen Bauernstube hinter ihren schnurrenden Spinnrädern. Hier waren die Standesunterschiede aufgehoben. Mit den Rädern bewegten sie auch fleißig ihr Mundwerk. Es gab keine Langeweile. Wurde ein bekanntes Volkslied angestimmt, dann sangen alle wehmütig oder fröhlich mit.

Zur Kaffeezeit deckte die Tochter des Hauses oder die Hausmagd den Kaffeetisch, stellte reichlich Kuchen darauf und servierte heißen Kaffee. Es war eine vergnügliche Arbeitspause. Darauf schnurrten wieder die Spinnräder ohne Unterbrechung, denn bis um sechs Uhr abends musste „dat Stücke“ fertig sein. Um sechs Uhr gingen die Mädchen nach Hause, um das Vieh zu versorgen. Eine Stunde später kamen sie zurück um sich beim gemeinsamen Abendessen an Schweinebraten, getrocknetem Obst und „dickem Reis“ gütlich zu tun. Als die Räder wieder schnurrten, stimmte man erneut schöne, alte Volkslieder an.
Mittlerweile wurde es draußen vor dem Hause lebendig, und mehrfach klopfte man an die Fenster. Nun stand die Bäuerin auf und ging an eines der Fenster, öffnete es und meinte: „Joi hewet jiue Deil noch nicht.“ Danach schloss sie das Fenster und zog die Vorhänge zu. Darauf verließ sie mit dem Bauern das Haus, um zum Nachbarn zu gehen. Nachdem sich gegen neun Uhr alle jungen Burschen draußen versammelt hatten, betraten sie gemeinsam die Spinnstube. Die flinken Hände ruhten nun, und die Räder standen still. Nach freundlichem Gruß durch den Ältesten nahm jeder Bursche „seinem“ Mädchen das Spinnrad weg und stellte es an „die Halve“. Dann wurde die Stubentür zur Diele geöffnet und die Diele beleuchtet. Bald erklang eine Zieharmonika und alle Paare tanzten. Bei Tanz, Gesang und Spiel verging die Zeit schnell. Und wenn der Bauer mit der Bäuerin wieder heimkam, war für die jungen Leute die Zeit des Aufbruchs und des Abschieds gekommen.

Abb.: Siegfried Kaiser mit seiner Schafherde

Jahr für Jahr durften sich die Naturfreunde und Tierliebhaber in Apelern in jedem Herbst an einem vertrauten Anblick erfreuen, wenn sie ihre Augen über die abgeernteten Felder und grünen Auen schweifen ließen: das ländlich-friedliche Bild des Schäfers mit der ihm anvertrauten Schafherde und den Schäferhunden. Seit dem Jahre 1957 ist auch dieses Idyll verschwunden, denn das untere Rittergut hatte zu diesem Zeitpunkt die um die fünfhundert Stück zählende Schafherde abgeschafft. Die Ursache kennt man nicht genau. Aber der Marktpreis für Rohwolle und Hammelfleisch oder der Lohn des Schäfers könnten hierfür ausschlaggebend gewesen sein. Ein weiterer Grund könnte die Verkehrsbehinderung sein, die sich jeweils ergab, wenn die Herde die stark befahrenen Straßen unserer Ortschaft passieren musste, was ja häufig vorkam. Über mehrere Jahrhunderte hinweg stellte der Schäfer mit dem breitrandigen Hut und dem langen Hirtenstab mit den Schafen und Hunden einen gewohnten Anblick dar, der das Bild des Dorfesprägte.
Wenn ich den Schleier der Vergangenheit für einen Zeitraum von 75 Jahren lüfte, so werden die fünf Männer, die im Auftrage des Gutsherrn den Schäferdienst ausübten, wieder vor meinem geistigen Auge lebendig: Knief, Wöltge, Hellmuthhäuser, Baier und schließlich Siegfried Kaiser, der die Herde zuletzt in den Jahren 1951 bis 1957 fachmännisch betreute.

Abb.: Schafmeister-Wohnung

Die Schäfer wohnten zuletzt im ehemaligen „Hofmeisterhaus“, das aber heute nicht mehr vorhanden ist. Dass sich die Schafzucht früher stark über die ganze Grafschaft ausgedehnt hatte und nicht nur von den Rittergütern oder von der Domäne Rodenberg betrieben wurde, wird auch durch die Herde des Bauern Heinrich Richert, Nr. 26, später Nr. 19, bewiesen. Richert, der zugleich auch gelernter Schäfer war, betreute zuletzt seine Herde von einhundert Schafen. Wenn auch sein Anwesen nicht mehr vorhanden ist, so weist doch noch das Ortsschild „Schäferstraße“ auf diesen Zusammenhang hin. Da nun auch die Domäne Rodenberg demnächst die Schafhaltung aufgeben will, werden wir wohl in der Zukunft ein Begegnung mit einer Schafherde nur noch in der Lüneburger Heide erleben können.