Bild: Ev.Kirchengemeinde Apelern

Die Kirche des Kirchspiels Apelern, welches auch die Dörfer Lyhren, Soldorf, Großhegesdorf, Kleinhegesdorf, Reinsdorf und Wiersen einschließt, wird in dem im Jahre 1973 vom ADACVerlag herausgegebenem Werk „Schatzkammer Deutschland“ als sehenswürdiges Kunstdenkmal ausgewiesen, dessen Schutz und Erhaltung für die Nachwelt von besonderer Bedeutung ist. Darin ist auf der Seite 58 zu lesen: „Evangelische Kirche. Der Innenraum ist zweischiffig. Wiederverwendete romanische Säulen stehen, ein gotisches Gewölbe tragend, in der Mitte. Wandmalereien des 14. Jahrhunderts. Am Feldsteinturm eine frühbarocke (1610-1643) Begräbnisstätte.“

Diese kurze, baustilmäßig korrekte Beschreibung des karolingischen Sakralbaus aus der Zeit um 850 n. Chr. kann aber dem Eindruck des Auges nicht gerecht werden, wenn es beispielsweise aus dem Süden oder Osten auf Apelern blickt und sich dabei unwillkürlich auf das in einen stolzen 45m hohen Turm aufgipfelnde, standfest ruhende burghafte Bauwerk richtet.

Das burgund wehrhaft Aufgetürmte war als wesentliches und gemeinsames Merkmal des Formwillens zweifellos ein wichtiges Element des Außenbaus und ein fester Bestandteil der Steinbaukunst und Architektur der ersten Kirchen in der Zeit der Christianisierung des von den Franken eroberten sächsischen Gebietes in der Mitte des 9. Jahrhunderts. Dies scheint ein Grund dafür zu sein, dass unsere Kirche in unseren Tagen sehr häufig von Heimatvereinen und Altertumsforschern in Augenschein genommen und als ein bewunderungswürdiges Bauwerk eingeschätzt wird.

Hinsichtlich des Alters unserer Kirche befand man sich lange Zeit im Zweifel. So hat sich auch ein begeisterter Denkmalsforscher hierin um dreihundert Jahre verschätzt, als er im Jahre 1950 das Baudenkmal beschrieb: „Die Kirche, 700 Jahre des Ortes treuer Wächter. Trotzig zeigt sich dieses Gotteshaus, auf einer künstlichen Anhöhe, einem alten Todtenhof (Friedhof ), gelegen, als wollte sie den Kirchen der nahen und weiteren Umgebung zurufen: ‚Ich bin doch die älteste!‘“

Sie ist in der Tat die älteste in ihrer Umgebung. Denn fränkische Priester, die in Bischofssitzen, Klöstern und Kirchen die ersten Schreibstuben jener Zeit einrichteten und jungen Sachsen den Gebrauch der lateinischen Sprache und Schrift lehrten, machten in ihren Jahrbüchern Eintragungen, aus denen hervorgeht, dass die Apelerner Kirche als alte Archidiakonatskirche eine der drei Urkirchen im Bereich des Schaumburger Landes ist.

Die beiden anderen Urkirchen waren die Kilianskirche in Exten und eine Kirche vor der alten Bückeburg bei der heutigen Stadt Obernkirchen. Von diesen drei Urkirchen wurden zwischen den Jahren 900 und 1000 weitere Kirchen abgezweigt. So wurden von der Urkirche Apelern die Martinskirche in Hohnhorst und die Magnikirche in Beber abgezweigt bzw. als Nebenkirchen errichtet.

Erst in der Blütezeit der Errichtung der Klöster und Kirchen im 11. und 12. Jahrhundert tauchen Namen von umgebenden Kirchen auf: 1125 Kirche zu Idensen, 1132 St. Godehard zu Nenndorf, 1160 Kirchen zu Jetenburg, Sülbeck und Steinbergen, 1172 St. Petrus und Andreas zu Hohenrode, 1176 St. Johannes zu Vehlen, 1181 St. Cosmas und Damian zu Petzen und 1185 Kirche zu Meinsen.

Abb.: Abendmahlsgänger um 1920

Vor der Eroberung unseres Heimatgebietes durch die Franken (daran erinnert auch die Schlacht im Dachtelfeld am Hohenstein mit Totental und Blutbach im Süntel im Jahre 782) waren die zahlreichen sächsischen Gaue in drei große Landschaften zusammengefasst: Westfalen, Engern, Ostfalen. Unser engstes Heimatgebiet war der Gau Bucki, der neben den beiden benachbarten Gauen Tilithi und Osterburg zur Landschaft Engern zu beiden Seiten der Weser gehörte.
Der Gau Bucki, der um 900 dem Bistum Minden eingegliedert wurde, und der etwa dem späteren Archidiakonat (Erzdiakonat = Sitz des Erzdiakons) Apelern entsprach, erstreckte sich in ostwestlicher Richtung etwa von Minden bis zum Deister und in nordsüdlicher Richtung vom Schaumburger Wald und Steinhuder Meer bis zum Bückeberg und Süntel mit einer Einbuchtung nach Süden bis Beber.

Insgesamt umfasste das Bistum Minden, dessen Gründung auf das Jahr 840 zurückgeht, sieben Gaue mit zwölf Archidiakonaren als bischöfliche Verwaltungsbezirke (häufig auch mit „Bann“ bezeichnet). In diesem Rahmen war Apelern eine uralte Siedlung und der frühere Hauptort des Gaues Bucki. Seine hervorragende Stellung wird dadurch deutlich, dass hier der Sitz eines der zwölf Archidiakone des Bistums Minden war. Zudem war das Amt des Archidiakons in Apelern mit der Kantorei des Mindener Domkapitels verbunden. Eine solche Ämterverbindung war damals allgemein üblich. Dem Bann bzw. dem Archidiakonat Apelern waren zwölf weitere Kirchspiele eingegliedert: Hülsede, Beber, Eimbeckhausen, Grove, Nenndorf, Luttringhausen, Hohenbostel, Idensen, Hohnhorst, Lindhorst, Heuerßen und Probsthagen. Da ja der Archidiakon in Apelern der ständige Vertreter des Mindener Bischofs war, kam es dazu, dass die Gemeinde Apelern, als sie sich im Jahre 1967 ein Wappen gab, dem Nesselblatt und Apfelbaum als Sinnbildern auch den Bischofsstab hinzufügte.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen bestanden um 1400 schon alle heutigen Kirchspiele im Herrschaftsbereich der Grafen von Schaumburg.

Das Heilige Römische Reich um 1400 (Bild: Ziegelbrenner)

Diese waren selbstverständlich, wie alle Christen zu jener Zeit, streng römisch-katholisch. Während das 14. Jahrhundert den Pflanzstätten des Christentums und der gelehrten Bildung, den Klöstern und Frauenstiften, durch zahlreiche geistliche Stiftungen und Besitzzuwendungen aus Erbgütern des sächsischen Adels eine Blütezeit bescherte, machte sich im 15. Jahrhundert ein Absinken der Klosterzucht und ein allgemeiner Niedergang der Klöster bemerkbar. Die Grafschaft Schaumburg blieb davon nicht verschont. Das im Jahre 954 durch die Matrone Helmburg gegründete und geschenkte freie Frauenstift Fischbeck mit 240 Morgen (80 Hufen) Ackerland verkaufte und verwirtschaftete die Höfe und Hufen. Die Nonnen des Klosters Hemeringen, die Kanonissen des Stifts Möllenbeck und die Konventualinnen des freien Frauenstifts Obernkirchen hielten die züchtigen Lebensregeln nicht mehr ein und vagabundierten.

So kam es, dass der Bischof von Minden im Jahre 1441 die unzüchtig lebenden Frauen des Stifts Möllenbeck vertreiben ließ und im Jahre 1468 die Hemeringer Nonnen dadurch maßregelte, indem er das Kloster dem Rintelner Kloster der Benediktinerinnen einverleibte. Im Jahre 1484 sahen sich der Graf Erich von Schaumburg und sein Bruder, Bischof Heinrich von Minden, gezwungen, im Stift Fischbek die alte Zucht wiederherzustellen. Im gleichen Jahre zwang Bischof Heinrich alle Konventualinnen, die nicht mehr züchtig lebten, zum Verlassen des Stifts Obernkirchen und führte die strengen Regeln der Augustinerinnen ein.

Durch solche Maßnahmen konnten die Missstände in Klöstern und Kirchen aber nicht restlos beseitigt werden. Der Zufluss milder Stiftungen und Schenkungen ging stark zurück. Die Einkünfte der Klöster und Kirchen sanken, und viele gerieten in hohe Verschuldung. Als Luther die Missstände in den kirchlichen Institutionen offen angriff und die große Reformationsbewegung einleitete, war auch in der Grafschaft Schaumburg der Boden für kirchliche Reformen bereitet. Um das Jahr 1500 waren die Glaubensnöte im Volke so groß, dass die meisten Christen den Kirchen fernblieben und dafür Wallfahrten veranstalteten. Aber dem Einfluss des Grafen Jobst von Schaumburg (1527-1532) und dem seiner Söhne (Otto 1531 Bischof von Hildesheim, Adolf 1546-1556 Erzbischof von Köln, Anton 1556-1558 Erzbischof von Köln) war es zuzuschreiben, dass die Grafschaft noch lange dem Katholizismus ergeben blieb.

Aber um das Jahr 1540 regte sich die Reformationsbewegung auch im Schaumburger Land. Johannes Rhode, katholischer Vizeplan (Stellvertreter des Pfarrers) in Lindhorst, führte zuerst den evangelischen Gottesdienst in deutscher Sprache nach Luthers Lehre ein. Es stand unter der geistlichen Aufsicht des Probstes Johann von Schaumburg in Rodenberg, eines unehelichen Grafensohnes, welcher zahlreiche Pfarren in Nordschaumburg als einträgliche Pfründe besaß. Dieser setzte den Lindhorster Pfarrer-Stellvertreter Rhode ohne Gnade ab. Der Adel leistete ebenfalls heftigen Widerstand gegen die Reformation der Kirche. Er konnte es aber nicht verhindern, dass immer mehr Geistliche in den größeren Ortschaften den Lehren Luthers folgten. Selbst der Graf Otto IV von Schaumburg, Alleinregierender seit 1544 mit Sitz in Stadthagen, welcher im Jahre 1531 sogar Bischof von Hildesheim war, wagte es nicht, die Prediger des Evangeliums zu vertreiben. Und bald wandte sich auch das platte Land der neuen Lehre zu.

In dieser für die katholische Kirche und den Adel verzweifelten Lage geschah das Unerwartete, dass ein privates Anliegen des Grafen Otto IV im Jahre 1558 die Reformation der Grafschaft wesentlich beschleunigte. Da Graf Otto in jenem Jahre die zweite Ehe eingehen wollte, bewarb er sich um die Hand der Prinzessin Ursula von Braunschweig. Sein Heiratsantrag wurde unter der Bedingung angenommen, dass er selbst entweder die lutherische Lehre annehme oder seiner zukünftigen Gattin einen evangelischen Hofprediger benenne. Mit Rücksicht auf seinen Bruder Anton, den Erzbischof von Köln, wählte Graf Otto die zweite Bedingung. So wurde im gleichen Jahr der Prediger Jakob Damman aus Celle als Hofprediger nach Stadthagen berufen. Und als im gleichen Jahre auch Erzbischof Anton starb, sprach sich Graf Otto für die Annahme des evangelischen Bekenntnisses aus und übertrug dem Hofprediger Damman die geistliche Aufsicht über die Grafschaft.

Hofprediger Damman nahm das Werk der Reformation der Grafschaft unverzüglich in Angriff. So wurde das Kloster Egestorf bereits ein Jahr später aufgehoben und die Klöster in Rinteln und Stadthagen wurden säkularisiert. Die Frauenstifte Fischbeck und Obernkirchen widersetzten sich ihrer Aufhebung mit Hilfe des Adels bis 1564. Der Adel wünschte, dass beide Klöster als adelige Damenstifte zur Versorgung seiner Töchter erhalten blieben. Graf Otto entsprach schließlich den Wünschen des Adels im Jahre 1566 und wandelte die beiden Klöster in adelige Damenstifte um. Als dann im Jahre 1563 in der Grafschaft Schaumburg die erste allgemeine Kirchenvisitation abgehalten wurde, konnte man den römischkatholischen Kult als abgeschafft betrachten. Die Grundlage der neuen Glaubenslehre im Schaumburgischen war die mecklenburgische von Melanchton verbesserte und zu Wittenberg gedruckte Kirchenordnung von 1552, bis Graf Ernst zu Stadthagen im Jahre 1614 für die Grafschaft eine besondere Kirchenordnung herausgab.

Aber aus der Geschichte weiß man, dass die Kirche in Rom auf diese religiöse Umwälzung im niederund mitteldeutschen Raum auf ihre Weise reagierte. Vier Jahre später (1618) brach in Deutschland ein Religionskrieg aus, der dreißig Jahre dauern sollte, und der auch Apelern und seine Bewohner heimsuchte. Die Folgeerscheinungen dieses grausamen Bruderkrieges waren Plünderungen, Brandschatzungen, Nahrungsmittelraub, Gelderpressung, Leid, Not, Hunger, Pest und Tod in unvorstellbarem Ausmaß.

Spätestens seit dem Jahre 1563 werden auch die Christen dem evangelischen Gottesdienst in der Apelerner Kirche beigewohnt haben. Und die Nachfahren dieser Gläubigen haben ihre Kirche seitdem liebevoll gepflegt, verschönert und verfestigt. Aber im Innern der Kirche, wo es bei Ausbesserungen stets auf viel Sorgfalt und künstlerischen Sachverstand ankam, trat zuweilen auch Sorglosigkeit zutage. In dem Ausbesserungsbericht aus dem Jahre 1777 und 1784 heißt es: „Die schönen Fresken wurden weiss übertüncht.“ Bei einer sorgfältigeren Renovierung des Innern im Jahre 1932 wurden die schönen Sterne unter dem Gewölbe wieder freigelegt. Dabei erhielt der ganze Innenraum gleichzeitig eine elektrische Beleuchtungsanlage. Bis dahin besorgten Wachskerzen die Innenbeleuchtung der Kirche.

In den Jahren von 1807 bis 1813 wurde der obere Teil des Kirchturmes erneuert. Da später aber auch der untere Teil des Turmes auseinanderzubrechen drohte, hielt man es in der Zeit von 1963 bis 1968 für geboten, das gesamte Bauwerk gründlich zu überholen und umzubauen. Man besorgte den Einbau gewaltiger Verankerungen und zog im westlichen Teil neue Betondecken ein. An der Südseite wurde die sogenannte „Apelerner Prieche“ (Empore) abgerissen. Dasselbe geschah mit der Turmprieche. Auch die Orgelprieche mitsamt der Orgel aus dem Jahre 1750 wurde abgebaut und eine neue im hinteren Schiff aufgebaut. Die übertünchten, wunderschönen Wandmalereien im Altarteil wurden in mühseliger Arbeit kunstgerecht freigelegt und dienen den Kirchgängern seitdem erneut als Augenweide.

Bis jetzt habe ich mich bemüht, die Kirche als Baudenkmal und die Institution Kirche geschichtlich zu umrahmen und zu beleuchtet. Nun möchte ich aber Vergangenes wieder ins Bewusstsein bringen, das die Kirche als Mittelpunkt der Christengemeinde in den letzten einhundert Jahren charakterisiert. Es ist sozusagen ein Stück Geschichte aus dem unmittelbaren kirchlichen Leben der Gemeinde: aus der Kirchenpraxis.

Bis zum Jahre 1919 konzentrierte sich die Verwaltung unserer Kirchengemeinde auf die folgenden Amtsbereiche: Pfarrei, Kirche, Rektor, Küster und Organist. Nach überliefertem Kirchenrecht wurden die Dorfhaushalte vor dieser Zeit durch Abgaben zu den Unterhaltskosten der Kirchenämter herangezogen. Zu solchen Abgaben waren seinerzeit in unserem Ort die Hausnummern 1 bis 27 und 27a bis 54 verpflichtet. Diese bestanden aus:
„Rippen, Broten, Mettwürsten, Stuten, Eiern, Roggengarben und aus Geldbeträgen als Legaten und Mantelgeld, Feuchtund Pfennigzins sowie Ostergeld.“

Da die vom Pastor betriebene Landwirtschaft einen Teil seiner Besoldung ausmachte, mussten an die Pfarrei auch Spanndienste geleistet werden. Durch den Rezess (Vergleich) vom 12. Juli 1883 wurden diese Reallasten durch reine Bargeldleistungen abgelöst. Diese Regelung lief auf die Gewährung einer Ablösungsrente hinaus. Hiervon erhielt
die Kirche den 25fachen Betrag der Ablösungsrente,
die Pfarrei den 25fachen Betrag der Ablösungsrente,
die Rektorstelle den 22 2/9fachen Betrag der Ablösungsrente,
der Küster und der Organist den 22 2/9 fachen Betrag der Ablösungsrente.
Um ermessen zu können, wie hoch die einzelnen Grundbesitzer je nach Besitztum durch diesen Rezess finanziell belastet waren, greife ich einige der zur jährlichen Rentenzahlung verpflichteten heraus:

Der einmalige Geldbetrag, den die 55 Rentenzahler aufbringen mussten, machte einschliesslich des „Weinschenks“ aus Grove ausschließlich der beiden Rittergüter 2.176 Mark und 30 Pfennig aus. Zeitweilig war es auch nur der Brauch, dass reiche Bauern des Kirchspiels ihrem Pastor Naturalien zukommen ließen. So erhielt unsere Pfarrei damals noch regelmäßig Naturalien von etlichen Bauern aus Pohle obwohl sich die Dörfer Feggendorf, Lauenau und Pohle im Jahre 1887 zu einem eigenständigen Kirchspiel zusammengeschlossen hatten. Auch jeder Konfirmand unseres Kirchspiels brachte seinerzeit dem Pastor ein Huhn oder drei Mark ein.
Wenn man vom alten Eingang her auf unseren Friedhof kommt, so erblickt man auf der linken Seite zwei Grabkreuze mit dem Namen Sommerlath. Sie bezeichnen die Ruhestätte der beiden Seelsorger, die hier in zwei Generationen das Amt des Pastors ausübten:
J.H. Ph. Sommerlath, geb. 1800 gest. 1884. Hier Pastor von 1848 – 1884.
Louis Sommerlath, geb, 1838 gest.1920. Hier Pastor von 1884 -1920.
Louis Sommerlath versah sein Amt sprichwörtlich bis zum letzten Atemzug. Als er schon achtzig Jahre alt war, wurde ich noch von ihm konfirmiert. An einen Ruhestand, sogar einen wohlverdienten, dachte er nicht. Er predigte so lange, bis seine Stimme versagte. Um einen interessanten Bezug zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Prominenz Europas herzustellen, sollte es jeder Apelerner wissen, dass er der Urgroßvater der jetzigen Königin Sylvia von Schweden ist.

Konfirmanden im Jahre 1919 mit Pastor Louis Sommerlath, der ein Jahr später mit 82 Jahren starb.

Während der Amtszeit der Pastoren Sommerlath bestand ein Teil ihres Gehaltes aus dem Deputat des Pfarreieigentums an Grund und Boden. Zur Hofstelle der Pfarrei gehörten damals:
57,6 Morgen Ackerland, 3,6 Morgen Wiese, 9 Morgen Wald und 5,4 Morgen Garten und Hofgelände, insgesamt also: 75,6 Morgen Nutzfläche. Die Hofstelle wurde von einem Knecht mit zwei Pferden bewirtschaftet. Beim späteren Umbau des Pfarrhauses wurden die Scheune und die Stallungen der Hofstelle abgerissen, da die Landflächen seit 1900 nicht mehr in eigener Regie bestellt wurden.
Neben dem Predigeramt und dem Amt des Verwalters der Hofstelle übte der Pastor etwa bis zum Ende des 1. Weltkrieges auch noch das Amt des Ortsschulinspektors aus, das darin bestand, die Aufsicht über die örtliche Schule zu führen. So kam Pastor Louis Sommerlath während meiner Schulzeit mindestens zweimal im Jahr in die Schule zur Inspektion des Unterrichts. Niemand nahm Anstoß daran, dass er gelegentlich die Schulaufsicht in manchen Pausen dadurch ausdehnte, uns Schulkinder Brennholz auf seinen hochgelegenen Hausboden tragen und dort aufstapeln oder uns Walnüsse vom Baum schütteln und aufsammeln zu lassen. Pastor Sommerlath ließ aber nie etwas ganz umsonst für sich verrichten. Er präsentierte stets ein kleines Entgelt, auch wenn es manchmal nur eine Nuss war.
Der Konfirmandenunterricht bei ihm dehnte sich auf ein halbes Jahr aus. Dieser fand während des Vormittags im Konfirmandensaal statt und war reichlich mit Kirchengesang und Auswendiglernen gewürzt. Für einen Konfirmanden war es damals selbstverständlich, große Teile des Katechismus, die ganze Bergpredigt, Psalmentexte und etliche Kirchenliederstrophen auswendig zu lernen. Nach alter Tradition fand am Ostersonntag die Prüfung der Konfirmanden statt. Die Prüfung war bitterer Ernst und wurde nicht pro forma vor den Augen der Eltern und der übrigen Kirchgänger abgehalten. Die Bezeichnung „Vorstellung der Konfirmanden“, wie man sich heute auszudrücken pflegt, kannte man damals nicht. Während in den benachbarten Kirchspielen die Einsegnung der Konfirmanden immer am Palmarum erfolgte, fand diese bei uns stets am Sonntag nach Ostern, am „Weißen Sonntag“ statt.

Abb.: Ein altes Panorama des Dorfes mit Kirche (der handschriftliche Vermerk bezieht sich auf die Rodenberger Windmühle)

Bild: Ev.Kirchengemeinde Apelern
Bild: Ev. Kirchengemeinde Apelern
Bild: Ev. Kirchengemeinde Apelern

Abb.: Innenansichten der Kirche von Apelern

Bis zum großen Umbau unserer Kirche im Jahre 1963 bis 1968 war es für die Kirchgänger üblich, eine lang gehegte Sitzordnung einzuhalten. An der Südseite des Kirchenschiffes saßen stets die männlichen Kirchgänger, während die weiblichen grundsätzlich an der Nordseite ihren Sitzplatz einnahmen. Aber diese beiden Seiten waren in sich noch weiter unterteilt. Am mittleren Eingang der Südseite saßen z.B. rechts die Männer von Apelern und links die von Wiersen. Darauf folgten die Plätze der Reinsdorfer Männlichkeit, und hinter diesen erblickte man die Großhegesdorfer Herrenschaft. Auf ähnliche Weise waren die Frauen nach Dorfzugehörigkeit an der Nordseite aufgeteilt. Es war außerdem nicht schicklich, dass Frauen auf den Emporen Platz nahmen. Ehe die Südempore abgerissen wurde, war sie ausschließlich mit Herren aus Apelern besetzt. Als auch die Turmempore noch existierte, waren es vornehmlich ältere Männer, die dort kurz vor Beginn des Gottesdienstes noch schnell die Neuigkeiten der vergangenen Woche austauschten. Und ehe die Orgelprieche an der östlichen Stirnseite vor dem Altarraum dem Umbau zum Opfer fiel, lieferte sie die Stammplätze für die Familien der Pastoren, Kantoren, Organisten, Küster und der Lehrer. Die dort oben Sitzenden waren einer regelrechten Zur-Schau-Stellung unterworfen; waren sie den Blicken der großen Masse der Kirchenbesucher fortwährend ausgesetzt.

Besonders hübsche Frauen auf der Orgelprieche hatten dort oben die größte Gelegenheit, von einer Vielzahl von Männern „angehimmelt“ zu werden. Die Männer aus den Dörfern Lyhren, Soldorf und Kleinhegesdorf hatten die lange Empore an der Nordseite für sich „beschlagnahmt“. Ein besonderes Sitzprivileg besaßen (und besitzen in begrenztem Maße auch heute noch) die Familien der beiden Herrenhäuser v. Hammerstein und v. Münchhausen auf der Nordempore. Diese Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass es mit der sogenannten „Gleichberechtigung der Frau“ in unserer Kirche scheinbar noch nicht so recht klappen wollte bzw. will. Der mit der Novemberrevolution des Jahres 1918 in die deutsche Reichsrepublik einströmende Liberalismus änderte in kürzester Zeit das damals bestehende Verhältnis zwischen Kirche und Staat sehr nachhaltig. Die unmittelbar nach der Abdankung des Kaisers amtierende provisorische Reichsregierung erließ hinsichtlich ihrer Absicht, Kirche und Staat zu trennen, bereits am 28. November 1918 die folgende Verordnung:
1. Die geistliche Schulaufsicht in Preußen ist von heute ab aufgehoben.
2. Die bisherigen Inhaber bleiben so lange im Amt, bis ihre Befugnisse durch die Kreisschulinspektion übernommen sein werden.
3. Die Übernahme ist unverzüglich in die Wege zu leiten und muss am 31. Dezember 1918 abgeschlossen sein.

Diese Anordnung war ein Vorläufer der später erlassenen Gesetze über die Trennung zwischen Kirche und Staat. Als der Zentrumspolitiker Franz v. Papen im Juni des Jahres 1932 im sogenannten „Kabinett der nationalen Konzentration“ Reichskanzler wurde, setzte er in einer Art „Staatsstreich“ die Amtsenthebung der damaligen Preußischen Regierung (Braun-Severing) durch und ernannte sich selbst zum Reichskommissar für Preußen. In dieser Eigenschaft führte er sofort eine Gebietsreform durch, von der unsere Grafschaft nicht verschont blieb.
Die Grafschaft Schaumburg, die bis dahin ein Teil der Provinz Hessen-Nassau war, wurde ohne Umschweife in die Provinz Hannover eingegliedert. Nach der politischen Gewichtsverschiebung rechnete man auch mit der sofortigen Veränderung der kirchlichen Oberaufsicht. Es vergingen aber noch sieben Jahre, ehe unsere Kirche vom Kasseler Konsistorium getrennt und der späteren Landeskirche Hannover zugeordnet wurde (1939). Dieser Vorgang vollzog sich fast sangund klanglos. Wir Apelerner merkten die Umgliederung erst einige Jahre später durch die Einführung neuer Gesangbücher.
Seit der Reformation haben die folgenden Pastoren in unserer Kirchengemeinde ihren Seelsorgedienst versehen:

Abb.: Gern fotografiertes Panorama: Kirche, Marktplatz, Schule

Abb.: Gegenüber: Die Folgen des 2. Weltkrieges. Der Erbe des Bauernhofes Nr. 7 – jetzt „Am Marktplatz 4“ fiel in Russland (Stalingrad)

Abb.: Immer im Hintergrund, die Kirche als treuer Wächter. Im Vordergrund das Wohngrundstück Fahse-Schwake, jetzt Großer Winkel 2a. Es wurde gründlich saniert und wird nun von Ulrich Dade bewohnt.

Abb.: Ansicht von „Auf der Wiese“ (Upper Wisch)

In jüngster Zeit scheint die evangelische Christenheit die Erwartung zu hegen, dass es ihre Pastoren verstehen, sich den Veränderungen in unserer Gesellschaft anzupassen, und es gibt genügend Hinweise, dass sie dies auch tun. Im Vordergrund aller kirchlichen Bemühungen steht die Öffentlichkeitsarbeit, über deren Zielsetzung und Wirksamkeit die Mitglieder der Kirchengemeinde heutzutage eigene Vorstellungen und kritische Ansichten entwickeln. Die wichtigste Aufgabe des Kirchenvorstandes sollte es daher sein, diese mit den Vorstellungen der Institution Kirche in Einklang zu bringen. In dieser Hinsicht scheint die Apelerner Kirchenleitung mit ihrem Veranstaltungskalender (Gemeindeabende, Ausflüge, Musikund Gesangdarbietungen) auf dem richtigen Wege zu sein. Strittig aber wird bei der Betrachtung des Gesamtauftrags der Kirche in unserer Gesellschaft noch sehr lange die Frage bleiben, ob und welchen Einfluss die Kirche als überregionale kulturelle Kraft auf die Politik nehmen soll, wenn sie ihre eigenen Interessen und ihre Existenz im Trend des gegenwärtigen Fortschrittsund Reformdenkens nicht preisgeben will. Im Jahre 1921 fassten beherzte Mitglieder des Kirchspiels Apelern unter der besonderen Initiative des damaligen Pastors Trusheim den Entschluss, einen Kirchenchor zu gründen, dessen Aufgabe es sein sollte, die Gottesdienste und das gesamte kirchliche Gemeindeleben zu umrahmen und feierlicher zu gestalten.

Der Aufbau und die künstlerische Entwicklung des gemischten Chores ging so schnell vor sich, dass er schon im Jahre 1923 ein Weihnachtsoratorium von zweistündiger Dauer zu Aufführung brachte. Obwohl gerade einen Monat zuvor auf dem Höhepunkt des Währungsverfalls, der alle Geldersparnisse wertlos machte, die neue Rentenmark eingeführt worden war (eine Billion Papiermark = eine Rentenmark; zehn Milliarden Papiermark = ein Rentenpfennig), war die Kirche trotz des sehr hohen Eintrittsgeldes von zwei Rentenmark voll besetzt.
Der Chor stand unter der Leitung des sehr musikalischen Pastors Trusheim, dessen Eigenart es war, sich der Öffentlichkeit nur im schwarzen Gehrock zu zeigen. Trotz seiner immer sichtbarer werdenden Erkrankung leitete er den Chor noch bis kurz vor der Aufgabe des Seelsorgeamtes und Fortzug nach Rinteln im Jahr 1926.
Für eine kurze Zeit danach übernahm der Lehrer Otto aus Großhegesdorf, der auch den Großhegesdorfer Gesangverein leitete, den Dirigentenstab des Kirchenchores und leitete im Jahre 1926 den Chor in einem großen Kirchenkonzert unter Mitwirkung der beiden Apelerner Gesangvereine „Liedertafel“ und „Frohsinn“ und des Großhegesdorfer Gesangvereins. Fünfzig Jahre lang, von 1927 bis 1977, leitete Friedrich Schütte junior, ein „geborener Musikus“ und nebenamtlicher Organist, den Chor und gab den Dirigentenstab erst wieder ab, als ihn eine Krankheit dazu zwang. Zu dieser Zeit sprach man in Sängerkreisen von einer „Ära Schütte“, weil sein Vater damals den Gesangverein „Liedertafel“ leitete. Allein Friedrich Schütte junior ist es zu verdanken, dass der gemischte Chor trotz aller Erschütterungen und Nöte der Kriegsund Nachkriegszeit seinen Fortbestand nicht einbüßte.
Im Jahre 1978 übernahm die Schulleiterin der Apelerner Grundschule, Frau Bracht, den Dirigentenstab bis zu ihrer dienstlichen Versetzung. Danach gab Frau Jahn vorübergehend den Ton im Chor an. Gegenwärtig leitet ihn Heinrich Thies. Während der Chor fünfzig Jahre lang von Frauen und Männern aus Apelern getragen wurde, kommen die heutigen Mitglieder aus dem gesamten Kirchspiel. Der Kirchenchor hat sich inzwischen auch etwas gewandelt, indem er seit einiger Zeit nicht nur in der Kirche auftritt, sondern auch mit fröhlichem Liedgut älteren Geburtstagskindern und sonstigen Gefeierten ein Ständchen bringt.

Abb.: Tenor und Bass des Kirchenchores, 1988

Abb.: Sopran und Alt des Kirchenchores, 1988