Da die Märzrevolution des demokratisch-liberalen Bürgertums im Jahre 1848 gegen die Allgewalt der deutschen Landesfürsten (absolute Monarchie) an der Uneinigkeit der Volksvertreter scheiterte, ging alle Staatsgewalt nach wie vor vom jeweiligen Landesfürsten aus. Das Volk, welches gehofft hatte, durch ein „Allgemeines Wahlrecht“ in einem Parlament vertreten zu sein, schlüpfte durch die Regierungserlasse der souveränen Landesfürsten wieder in die Rolle des gehorsamen Untertanen.
Die Anordnungen der Landesfürsten kennzeichneten bis zur Reichsgründung im Jahre 1871 denn auch das Bild der Verwaltung der Gemeinden. Der Rückgriff auf noch vorhandene alte Dokumente soll nun zur Abrundung dieses Bildes beitragen. Da unser Heimatgebiet im Jahre 1866 preußisch wurde, ergab es sich, dass auch unsere Gemeinde nach der „Preußischen Gemeindeordnung“ aus dem Jahre 1849 verwaltet werden musste. Danach mussten die Vertreter der Gemeinde, die Gemeindeverordneten, von Wahlmännern in drei Abteilungen gewählt werden.

Eine Niederschrift des Gemeinderates vom 15. März 1910 gibt uns hierzu einen tieferen Einblick:
„In der dritten Abteilung wurde Heinrich Schwake (Nr. 71), in der zweiten Abteilung der Rittergutspächter Gustav Franke und der Kaufmann H. Mönkeberg, in der ersten Abteilung der Kammerherr Baron von Münchhausen gewählt.“
Also war die Verwaltung der Gemeinde damals die Sache des Bürgermeisters und der Gemeindeverordneten. Die Amtsgeschäfte bzw. die Verwaltungsangelegenheiten führte in jener Zeit ausschließlich der Bürgermeister. Ihm stand nur ein nebenamtlicher Ortsdiener zu Seite, der auch gleichzeitig die Funktion des Nachtwächters und des Flurhüters auszuüben hatte. Erstaunlicherweise kann man aus dem Jahreslohn für den Ortsdiener auch die damalige Kassenlage der Gemeinde Apelern abschätzen.

Nachweislich erhielt der Ortsdiener im Jahre 1882 einen Jahreslohn von 261,74 Mark, aber im Jahre 1886 nur noch 156 Mark; denn im Gemeinderatsbeschluss vom 28.12.1885 heißt es hierzu: „Für den Nachtwächterdienst erhält Christian Kreft wöchentlich 3 Mark. Die Kündigung kann jederzeit vorgenommen werden.“ Es bestehen daher keine Zweifel, dass dieser Beschluss auf eine Ebbe in der damaligen Gemeindekasse deutet. Es muss noch hinzugefügt werden, dass die Nachtwache täglich auf vier Stunden Dienst ausgedehnt war, also auf wöchentlich 28 Stunden Dienst. Daraus ergab sich für den Nachtwächter Kreft ein Stundenlohn von 10,7 Pfennig. Dies war für den Ackerlandbesitzer und Gelegenheitsarbeiter Kreft ein kärglicher, aber lebensnotwendiger Nebenverdienst.

Abb. 1: Dieses Fachwerkhaus gehörte dem schon erwähnten Brinksitzer und Nachtwächter Christian Kreft,Nr. 34 – jetzt Hauptstraße 21. Der Gemeindebedienstete starb 1924.

Nach einer anderen Beurkundung muss die Kassenlage der Gemeinde Apelern im Jahre 1891 wieder etwas besser gewesen sein; denn im Beschluss des Gemeinderates vom 28.8.1891 heißt es wörtlich: „Für den Ortsdiener-, Nachtwächterund Flurhüterdienst soll vom 1. April ds. Jahres ein jährlicher Lohn von 320 Mark in vierteljährlichen Raten gezahlt werden. Neben diesen Diensten hat der Inhaber des Amtes in seiner Freizeit Wegearbeiten im Interesse der Gemeinde gratis zu verrichten, auch seine Marken für die Invaliden- und Altersversorgung aus eigenen Mitteln zu bestreiten und die Arbeitsgeräte sich selbst zu halten. Dahingegen soll der Gemeindediener die seither von ihm besessenen Gemeindegrundstücke von jetzt ab pachtfrei haben.“

Der Brauch der Nachtwache geht bis ins Mittelalter zurück, als die Städte und Dörfer noch Schutz vor den nächtlichen Überfällen der sich befehdenden Nachbarn und auch vor dem herumlungernden Banditentum nötig hatten. Was sich über Jahrhunderte bewährt hatte, hätte in der heutigen schnelllebigen Zeit vielleicht eine gegensätzliche Wirkung. Bei der Beweglichkeit der Diebe in heutiger Zeit wäre das Hornblasen für diese durchaus noch vorteilhaft; denn sie wüssten sofort, wo sich der Nachtwächter zur gleichen Zeit befindet.

Den Posten eines Nachtwächters füllte immer ein Rentner aus; denn eine hauptamtliche Kraft konnte sich die Altgemeinde nicht leisten. Während der Nachtwächterposten ab 1930 abgeschafft wurde, blieb der des Ortsdieners für Rentner bis zum Jahre 1974 bestehen. Wie der Dorfschullehrer und der Pastor wegen ihrer Popularität im Dorfleben eine besondere Rolle spielten, so betraf dies in nicht geringerem Maße den Nachtwächter. Wenn man, wie oben bereits erwähnt wurde, in unserer Gemeinde den Nachtwächter von 1930 an für überflüssig hielt, so wäre dieser ganze Bericht lückenhaft, wenn ich nicht die Muße fände, unserem letzten, beliebten und geachteten Nachtwächter Wilhelm Bode ein ehrendes Andenken zu widmen.

Abend für Abend ging Nachtwächter Bode mit seinem langen Horn durch unser Dorf und blies um 10 Uhr jede volle Stunde. Neben Dunkelheit, Sturm und Kälte beschlich ihn auch oft die Langeweile. Deshalb freute sich Opa Bode immer riesig, wenn er bei seinen Rundgängen auf Dorfbewohner stieß, bei denen er mal ein paar Worte anbringen konnte; denn ihm entgingen kaum die neuesten Dorfnachrichten. Besonders freute er sich aber, wenn ihm jemand einen Schluck zum Aufwärmen spendierte. Eine solche Begebenheit wird nun in meiner Erinnerung wach: Eines Abends mussten ich und einige andere Jugendliche unseres Dorfes als Mitglieder des Gesangvereins an einer Chorprobe in der Frommschen Gastwirtschaft teilnehmen.

Als das Singen im Lokal kurz vor 11 Uhr vorbei war, begaben wir uns als Jugendliche, wie es sich damals geziemte, als erste auf den Heimweg. Draußen vor der Gastwirtschaft trafen wir dabei unseren geliebten Opa Bode. Sogleich überfiel uns die Lust, zur 11. Stunde auf seinem Horn zu blasen. Obwohl wir kaum Geld bei uns hatten und ahnten, was uns diese Bitte kosten würde, schritten wir zur Tat, indem wir ihn fragten: „Boinen Vörder, dröbbe oik eiß tuiten?“ Da Opa Bode bejahend nickte, konnte uns nichts mehr daran hindern, die 11. und sogar noch die 12. Stunde anzublasen, und Nachtwächter Bode genoss danach in der Behaglichkeit der Frommschen Gastwirtschaft die von uns spendierten Getränke in Form von Bier und Schnaps.

Abb. 2: Sein Großsohn, Heinrich Fedderke, der 1938 als Missionar nach Afrika auswanderte, verkaufte das Grundstück an den Schneidermeister Wilhelm Fehling. Fehling riss das Haus ab und baute hier ein, wie abgebildet, massives Geschäftshaus mit Laden hin.